Pockets of Value Juni 2026
Back to the Journal Tips & Guides

Pockets of Value Juni 2026

Der WatchCharts-Index legt im Frühjahr 2026 wieder breit zu, aber nicht gleichmäßig. Wo die echten Pockets of Value liegen, welche Stücke nur billiger aussehen als 2022, und warum der Ankaufswert die ehrlichste Messlatte ist.

Der WatchCharts Overall Market Index liegt im Frühjahr 2026 rund 8,2 Prozent über dem Vorjahr. Über 70 Prozent aller Marken zeigen im ersten Quartal eine positive Performance, im Vorjahresquartal war es nur Rolex. Patek führt mit plus 16,2 Prozent, Rolex liegt bei plus 7,9 Prozent, Audemars Piguet bei plus 3,4 Prozent. Der Markt ist breit zurück, aber nicht gleichmäßig. Genau in dieser Ungleichmäßigkeit steckt das Geld. Wir sortieren, was wirklich unterbewertet ist und was nur billiger aussieht als auf dem 2022er Peak.

Marktlage 2026: erholt, aber ungleichmäßig

Die Erholung 2026 trägt einen anderen Charakter als der Anstieg 2021 bis 2022. Damals lief der Markt auf Spekulation. Käufer haben Stücke geordert, um sie drei Monate später teurer wieder rauszustellen. Heute kaufen Sammler, die die Uhr behalten wollen. Das macht den Boden stabiler, weil keine Flip-Hände drinnen sind, die in der nächsten Marktdelle panisch raus müssen. Es bedeutet aber auch, dass die einfachen Flip-Gewinne weg sind. Wer 2026 eine Marge sucht, findet sie am Rand der bekannten Hype-Listen. Genau diese Verschiebung ist die These hinter den Pockets of Value: weil Nautilus und Royal Oak wieder durch die Decke gehen, ist die spannende Frage, was im Schatten dieser Namen fair bepreist liegt.

Echte Pockets I: Trinity-Niveau ohne Logo-Aufschlag

Die spannendsten Pockets liegen ausgerechnet im integrierten Stahl-Sportuhren-Segment, also dort, wo der Hype am lautesten ist. Die Nautilus handelt grau beim zwei- bis dreifachen Retail, die Royal Oak regelmäßig über 60.000 Dollar Graumarkt. Die dritte im Trinity-Bunde liegt dazwischen, mit deutlich anderem Preis-Profil. Die Vacheron Constantin Overseas 4500V mit blauem Zifferblatt handelt grau bei rund 26.000 bis 31.000 Dollar, gegen einen Listenpreis von etwa 25.000. Das sind vier bis vierundzwanzig Prozent Aufschlag, während die Nautilus beim Doppelten oder Dreifachen liegt. Gleiche Trinity-Liga, ohne den Logo-Aufschlag.

Wer eine Stufe tiefer in den Preis gehen will, bekommt seit Watches and Wonders 2026 eine zusätzliche Option. Jaeger-LeCoultre hat die Master Control Chronomètre Collection ergänzt, konkret die Chronomètre Date in 38 Millimetern und 8,4 Millimeter Bauhöhe mit dem Kaliber 899. Start in Stahl bei 12.200 Euro. JLC positioniert die Linie offen als günstigere Alternative zu vergleichbaren Vacheron-Modellen, mit Haute-Horlogerie-Finishing zum Bruchteil. Warum übersieht der Markt diese beiden? Es gibt keinen Logo-Hype rund um Overseas oder Master Control, der Forum-Lärm bleibt entsprechend leer. Genau deshalb sind sie fair bepreist. Der Algorithmus belohnt Hype. Unterbewertung läuft im selben Algorithmus unter dem Radar.

Echte Pockets II: Substanz zum Tool- und Dress-Preis

Wer preislich noch tiefer ansetzen will, hat zwei Stücke, die wir intern den langweiligen Value-Anker nennen. Langweilig ist hier ein Kompliment. Die Omega Speedmaster Professional Moonwatch in Stahl liegt bei rund 5.000 Pfund. Sie schießt nicht auf dem Sekundärmarkt nach oben wie ein Hype-Steel-Stück, sie fällt aber auch nicht. Sie hält ihren Wert über Jahrzehnte stabil, mit echter Mondlandungs-Historie am Handgelenk. Die Tudor Black Bay 58, Jahrgang 2026, ist die zweite. Tudor hat die Linie überarbeitet. 39 Millimeter Durchmesser und 200 Meter wasserdicht, jetzt mit METAS-Master-Chronometer-Zertifizierung und auf 11,7 Millimeter Bauhöhe abgespeckt. Das Kaliber MT5400-U liefert 65 Stunden Gangreserve. Preis in Stahl zwischen 4.975 und 5.350 Dollar je nach Band. Submariner-DNA und ein Manufaktur-Werk, ohne Rolex-Warteliste.

Was beide verbindet, ist der Grund, warum sie ihren Wert halten. Diese Stücke kauft niemand zum Flippen. Die Nachfrage kommt von Leuten, die die Uhr tragen wollen. Das ist ein stabilerer Boden als jede Warteliste. Aus Ankäufer-Sicht liegen unsere realen Ankaufswerte bei beiden Modellen erstaunlich nah am Marktpreis. Genau das ist das Zeichen einer ehrlich bepreisten Uhr.

Der Milgauss-Sonderfall

Eine Referenz, die in der aktuellen Value-Diskussion regelmäßig falsch eingeordnet wird, ist die Rolex Milgauss. Rolex hat sie 2023 stillschweigend gestrichen, ohne Nachfolger. Der letzte Retail lag bei rund 9.400 Dollar. Heute handeln saubere Exemplare bei 10.000 bis 14.000 Dollar, die GV-Variante mit Z-Blue-Blatt und grünem Saphirglas bei 13.000 bis 16.000. Aktuell läuft das Gerücht, dass Rolex zur Watches and Wonders ein Milgauss-Revival mit neuem antimagnetischen Werk vorbereitet.

Hier wird die Trennung wichtig. Eine discontinued Referenz zu kaufen, weil man auf ein Comeback hofft, ist kein Value-Hunting. Das ist eine Wette. Intrinsischen Wert hat die Milgauss heute nicht mehr als vor der Streichung. Was sie hat, ist Knappheits-Fantasie. Wenn Rolex 2026 tatsächlich eine neue Milgauss bringt, kann der Gebrauchtpreis der alten genauso gut fallen, weil das Modell wieder lebendig und kaufbar ist. Wer hier einsteigt, soll wissen, dass er spekuliert. Das ist legitim, solange es nicht als Value-Strategie etikettiert wird.

Unsere Lesart

Der Value liegt 2026 nicht im Hype-Kern. Er liegt am Rand. In der Vacheron Overseas, die niemand für eine spekulative Position kauft. In der JLC Master Control Chronomètre, die seit Watches and Wonders 2026 eine echte Trinity-Alternative auf dem Tisch hat. In der Speedmaster Professional und der überarbeiteten Black Bay 58, die ihren Wert halten, weil keine Spekulanten drinstecken, die in der nächsten Korrektur panisch rauslaufen müssten.

Die ehrlichste Messlatte für Value ist nicht der Grey-Market-Durchschnitt, der auf den großen Plattformen angezeigt wird. Diese Durchschnitte zeigen, was Händler aufrufen, nicht was ein Stück real wert ist. Der wahre Boden ist der Ankaufspreis. Also das, was ein professioneller Händler heute für die Uhr auf den Tisch legt. Genau diese Lücke zwischen Liste, Grey-Market und Ankauf ist die Information, die uns von rein analytischen Marktbetrachtungen unterscheidet, weil wir die Uhren täglich tatsächlich ankaufen und damit das untere Ende dieser Spanne ehrlich kennen.

Wenn du selbst eine Konfiguration aus diesem Segment beschaffen lassen, prüfen oder bewegen willst, ist die Uhren-Beschaffung der direkte Weg.

MWB Watch Journal

More from the Journal

Pleitewelle im Uhren-Markt: warum das eine Bereinigung ist

MWB News

Pleitewelle im Uhren-Markt: warum das eine Bereinigung ist

Rolex LC-Code: was er bedeutet und wie du ihn nachschlägst

Tips & Guides

Rolex LC-Code: was er bedeutet und wie du ihn nachschlägst

Patek Philippe 5180/1R Skeleton

Reviews

Die unterschätzte Patek Philippe: 5180/1R Skeleton in Rosegold